Was macht es (un-)attraktiv, SchulleiterIn zu sein?*

Autor*innen: Johannes Mayr, Stefan Brauckmann-Sajkiewicz, Gabriele Beer, Petra Heißenberger, Georg Krammer & Harald Reibnegger

Abstract

Die mit dem Bildungsreformgesetz intendierte „doppelte“ Verantwortung von Schulen – Teilautonomie und Rechenschaftspflicht – hat die Aufgaben von Schulleitungen in Österreich stark verändert (Altrichter et al., 2016). SchulleiterInnen übernehmen Managementaufgaben und sind angehalten, die qualitätsorientierte Eigensteuerung ihrer Schule zu betreiben. Dementsprechend müssen sie Kompetenzen in zentralen Handlungsfeldern wie etwa Personalführung und Unterrichtsentwicklung ausbilden.

Vor dem Hintergrund zunehmender Leitungsvakanzen wird die Frage virulent, wieweit Lehrkräfte (als potentielle zukünftige Stelleninhaber bzw. Rekrutierungspool), diese Rollenverschiebung „vom Verwalter zum Gestalter“ attraktiv finden oder sie eher als voraussehbaren Belastungsfaktor wahrnehmen, wenn sie über eine mögliche Laufbahn als SchulleiterIn nachdenken (vgl. Warwas, 2012). Entsprechende Einschätzungen durch die Lehrkräfte fanden bisher selten Eingang in die deutschsprachige Leadership-Forschung (vgl. Brauckmann & Schwarz, 2015). Es wäre jedoch durchaus plausibel anzunehmen, dass diese Einschätzungen – zusammen mit anderen positiven oder negativen Zuschreibungen – die Attraktivität einer Führungsrolle innerhalb der Lehrerschaft beeinflussen und sowohl bei der Attrahierung von SchulleiterInnen als auch bei Qualifizierungsmaßnahmen von LeiterInnen Berücksichtigung finden sollten.

Fragestellungen
– Welcher Anteil an Lehrkräften interessiert sich bzw. interessiert sich nicht für eine Funktion als SchulleiterIn?
– Was macht die Funktion SchulleiterIn attraktiv, was unattraktiv?
– Welche Interpretationsmuster der Rolle von SchulleiterInnen lassen sich identifizieren?

Im Rahmen der Befragungswelle 2018/19 der Längsschnittstudie TEDCA wurden rund 7.000 Absolventinnen und Absolventen der Jahre 1988 bis 2014 aus allen österreichischen Pädagogischen Hochschulen angeschrieben, um u. a. ihre Laufbahnpräferenzen zu erheben (für Details siehe die Projekt-Website). Die Befragten konnten dabei zwischen einer Papier- und einer Online-Version des Fragebogens wählen.

Bezüglich der Laufbahnoption „SchulleiterIn werden bzw. bleiben“ sollten die Befragten auf fünfstufigen Likert-Skalen angeben, wie gern oder ungern sie eine solche Funktion übernehmen bzw. in dieser verbleiben würden. Von 796 Personen liegen Antworten auf diese Frage vor. 265 von ihnen hatten die Papier- und 531 die Online-Version verwendet. Bei der der Online-Version erhielten jene Personen, die sich durch Wahl der Skalenstufen 1 oder 2 bzw. 4 oder 5 gegen eine Leistungsfunktion bzw. für eine solche entschieden hatten, zusätzlich die Frage gestellt, was für sie die Funktion SchulleiterIn „unattraktiv“ bzw. „attraktiv“ mache. Diese Zusatzfrage erhielten 438 Personen gestellt; 369 von ihnen beantworteten sie, und zwar in freier Formulierung. Diese verbalen Daten werden derzeit mittels eines Kategoriensystems ausgewertet, das in Anlehnung an die von Mayring (2015) vorgeschlagene Technik der Qualitativen Inhaltsanalyse in einem induktiven Vorgehen erstellt wurde.

Nur 18 Prozent der insgesamt Befragten würden eine Leitungsfunktion gern oder sehr gern ausüben bzw. tun dies bereits, 64 Prozent nicht gern oder sehr ungern; 18 Prozent verhalten sich diesbezüglich neutral. Diese Prozentsätze sind bei der Online- und bei der Papier-Version des Fragebogens praktisch identisch.

Da die inhaltsanalytische Auswertung der Daten derzeit noch im Gange ist, können bezüglich der Gründe für die Attraktivität bzw. Unattraktivität der Schulleitungsposition und der aus den Antworten erschließbaren Rollenvorstellungen vorläufig nur einige grobe bzw. noch keine Angaben gemacht werden: Als Argumente für die Übernahme einer Leitungsfunktion wurden jedenfalls u. a. die damit verbundenen Gestaltungsspielräume und die vielfältigen Kooperationsmöglichkeiten genannt. Gegen eine Leitungsfunktion spricht aus Sicht der Befragten, dass sie dadurch den eigentlich gewählten Beruf der Lehrperson zumindest teilweise verlassen und sich statt dessen vermehrt verwaltenden Tätigkeiten widmen müssten. Überdies wurden Belastungen z. B. durch Konflikte an der Schule oder durch die Aufgabenvielfalt der Leitungsfunktion ins Treffen geführt.

*Dieses Poster wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.