Professionalisierung von Lehrkräften zur fachintegrierten Sprachförderung im Sachunterricht: Wie gut gelingt die Umsetzung in der Praxis?*

Autor*innen: Christine Sontag, Katrin Gabler, Birgit Heppt, Rosa Hettmannsperger-Lippolt, Sofie Henschel, Susanne Mannel, Ilonca Hardy & Petra Stanat

Abstract

Die Förderung bildungssprachlicher Fähigkeiten ist als Aufgabe aller Fächer in aktuellen Rahmenlehrplänen der Grundschule verankert (z. B. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, 2017). Grundschullehrkräfte stehen somit vor der Herausforderung, ihren Unterricht sowohl fachlich anspruchsvoll als auch sprachförderlich zu gestalten (Hardy, Hettmannsperger & Gabler, 2019). Im deutschsprachigen Raum liegen jedoch kaum gut beschriebene und nachweislich wirksame Professionalisierungsmaßnahmen für die fachintegrierte Sprachförderung vor (Henschel, Stanat, Becker-Mrotzek, Hasselhorn & Roth, 2014). Vor diesem Hintergrund wurde ein Professionalisierungskonzept zur fachintegrierten Sprachförderung für Grundschullehrkräfte auf Basis des sprachlichen Scaffolding nach Gibbons (2002) entwickelt und dessen Wirksamkeit untersucht (Gabler et al., 2020). Im Rahmen einer quasi-experimentellen Studie besuchten Lehrkräfte einer Experimentalgruppe (EG) und einer Kontrollgruppe (KG) zunächst eine Fachfortbildung zum Unterrichtsthema „Schwimmen und Sinken“ (adaptiert nach Jonen & Möller, 2005). Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die Lehrkräfte über das notwendige fachliche und fachdidaktische Wissen zu diesem anspruchsvollen Fachthema verfügen und mit dem handlungsorientierten, konstruktivistischen Unterrichtsprinzip vertraut sind, auf dem das in der Studie verwendete Curriculum basiert. Lehrkräfte der EG nahmen zusätzlich an einer Professionalisierungsmaßnahme zur fachintegrierten Sprachförderung teil, die sich exemplarisch auf das Unterrichtsthema „Schwimmen und Sinken“ bezog und Fortbildungen, Unterrichtserprobungen mit Hospitation und Video-Coaching sowie ein Reflexionstreffen umfasste. Die Lehrkräfte der EG sollten so in die Lage versetzt werden, im handlungsorientierten Sachunterricht der dritten Klasse Sprachfördergelegenheiten zu erkennen und geeignete Sprachfördertechniken (u. a. Sprache modellieren, sprachförderliches Feedback geben, sprachförderliche Fragen stellen) einzusetzen, um sowohl sprachliches Lernen als auch den fachlichen Konzeptaufbau zu unterstützen.

Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, wie gut den Lehrkräften diese Umsetzung nach der Teilnahme an der Professionalisierungsmaßnahme tatsächlich gelingt. Dazu unterrichteten Lehrkräfte beider Gruppen (nEG = 8, nKG = 18) im Anschluss an die Professionalisierungsphase das Thema „Schwimmen und Sinken“ (6 Doppelstunden) im regulären Sachunterricht der dritten Klasse, wobei jeweils die zweite Doppelstunde gefilmt wurde. Der fachliche Implementationscheck zeigte, dass die Sachunterrichtselemente des Curriculums in beiden Gruppen den Vorgaben entsprechend umgesetzt wurden. Um die Umsetzung der fachintegrierten Sprachförderung zu untersuchen, wurde pro Lehrkraft eine gesprächsintensive 20-minütige Sequenz zu Beginn der zweiten Doppelstunde von zwei unabhängigen Raterinnen eingeschätzt. Die Einschätzung erfolgte zum einen auf ausgewählten Dimensionen des Classroom Assessment Scoring System (CLASS; Pianta, La Paro & Hamre, 2008; .63 ≤ ICC ≤ .84), einem etablierten, hochinferenten Instrument. Wir erwarteten, dass Lehrkräfte der EG insgesamt sprachförderlicher agieren („Language Modeling“, LM). Gleichzeitig sollten das sprachlich vermittelte Feedback („Quality of Feedback“, QF) und die Förderung der Konzeptentwicklung („Concept Development“, CD) zumindest ebenso gut sein wie die entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen in der KG. Zum anderen wurde die Umsetzung einer konkreten Sprachfördertechnik mithilfe eines neu entwickelten, niedriginferenten Kodierschemas zum sprachförderlichen Frageverhalten der Lehrkräfte (aufbauend auf Kammermeyer et al., 2017; k = .62, ICC pro Kategorie .67 ≤ ICC ≤ .99) untersucht. Die Umsetzung sollte Lehrkräften der EG besser gelingen als Lehrkräften der KG.

Die Analysen weisen darauf hin, dass den Lehrkräften der EG die Umsetzung der Sprachförderung entsprechend der globalen Einschätzung nach CLASS erwartungsgemäß besser gelang als Lehrkräften der KG (dLM = 0.67) und sie zusätzlich auch besseres Feedback gaben (dQF = 0.96). Ebenfalls erwartungsgemäß konnten Lehrkräfte der EG den Konzeptaufbau zumindest ebenso gut unterstützen wie Lehrkräfte der KG (dCD = 0.28). Lehrkräfte der EG stellten zudem insgesamt mehr Fragen als Lehrkräfte der KG (d = 1.04), wobei der Effekt bei den besonders sprachförderlichen Fragen (= explizit sprachfokussierte Fragen, offen-repetitive Fragen und offen-konstruktive Fragen) erwartungsgemäß stärker ausgeprägt war (d = 1.45). Diese Befunde können als Hinweis auf die Wirksamkeit der Professionalisierungsmaßnahme zur fachintegrierten Sprachförderung gewertet werden und deuten darauf hin, dass die Verschränkung von Sprachanregung und inhaltlichem Lernen zusätzlich professionalisierten Lehrkräften besser als regulär ausgebildeten Lehrkräften gelingt.

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.