Mit Videos die Professionelle Unterrichtswahrnehmung trainieren: effektiver durch Segmentieren?*

Autor*innen: Monika Martin, Meg Farrell, Tina Seidel, Werner Rieß & Alexander Renkl

Abstract

Im Rahmen der Annäherung an die Praxis (Grossman et al., 2009) bieten Videos von Unterrichtssituationen geeignete Praxisrepräsentationen, die komplexe Prozesse für angehende Lehrkräfte sichtbar machen. So werden Videos oft genutzt, um Lehramtsstudierende darin zu schulen, relevante Ereignisse im Unterricht zunächst zu erkennen und sie dann auf Basis von theoretischem Wissen zu interpretieren (Santagata et al., 2021). Eine entsprechende Professionelle Unterrichtswahrnehmung (van Es & Sherin, 2002) – im Folgenden PU – stellt eine wichtige Voraussetzung für professionelles Handeln im Unterricht dar (Kersting et al., 2010).
Allerdings bringt die Arbeit mit Videos auch Herausforderungen mit sich. So fällt es vor allem unerfahrenen Lehrkräften schwer, in der Fülle von Informationen relevante Ereignisse und deren Folgen für den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler zu erkennen (Star & Strickland, 2008). Eine Möglichkeit, die Flüchtigkeit der präsentierten Informationen zu reduzieren und so zu verhindern, dass Wichtiges übersehen wird, ist es, Videos in kürzere Abschnitte zu unterteilen (Mayer & Fiorella, 2014). Dieses Segmentieren hat sich bei dynamischen Visulisierungen (Animationen, Video) zu verschiedenen Themen als lernförderlich erwiesen (z.B. zur Entstehung von Blitzen; Kühl et al., 2014).
In der vorliegenden Studie wurde daher untersucht, ob Segmentieren von Unterrichtsvideos Lehramtsstudierende dabei unterstützen kann, relevante Ereignisse zu erkennen und zu interpretieren. Dazu wurde in einem einstündigen videobasierten Kurztraining zum Thema Kleingruppentutoring die Länge der Videos variiert (segmentiert vs. nicht segmentiert). Vor und nach dem Training wurde die PU erfasst.

Hypothesen
1. Das Kurztraining verbessert die PU von Lehramtsstudierenden, d.h., sie nehmen mehr relevante Ereignisse wahr und greifen bei ihrer Interpretation häufiger auf theoretisches Wissen zurück.
2. Studierende, die während des Trainings mit segmentierten Videos arbeiten, verbessern sich stärker als Studierende, die mit ganzen Videos arbeiten.

Methode
An der Untersuchung nahmen 89 Biologie-Lehramtsstudierende (M_Alter = 23.5, SD = 2.4) teil. Zunächst bearbeiteten die Studierenden online einen Vortest zur PU (45 Min). Dabei sahen sie zwei 4-minütige Videos einer Kleingruppe (4 SuS, eine Lehrkraft) im Biologieunterricht und kommentierten diese anschließend schriftlich.
Das Kurztraining (60 Min) und der anschließende Nachtest (30 Min) fand während einer Seminarsitzung statt. Die Studierenden lasen zunächst einen Einführungstext zum Thema Tutoring. Darin wurden jeweils typische schülerzentrierte Verhaltensweisen einer Lehrkraft (z.B. Alltagsvorstellungen hervorlocken) weniger schülerzentrierten Verhaltensweisen gegenübergestellt (z.B. lange Erklärungen geben). Anschließend konnten die Studierenden an zwei weiteren Videobeispielen (je ca. 7 Min) üben, die beschriebenen Verhaltensweisen und deren Auswirkungen zu erkennen. Dabei wurden die Studierenden zufällig einer von zwei Bedingungen zugeteilt: Sie sahen die beiden Videos entweder jeweils am Stück oder unterteilt in vier kürzere Abschnitte, die sinnvollen Unterrichtseinheiten entsprachen. Nach jedem Video (nicht segmentierte Bed.), bzw. nach jedem Abschnitt (segmentierte Bed.) wurden die Studierenden dazu aufgefordert, die Szenen auf den Einführungstext zu beziehen. Im Anschluss an das Training bearbeiteten die Studierenden den Nachtest (analog zum Vortest).

Ergebnisse
Unabhängig von der Bedingung kommentierten die Studierenden im Nachtest mehr relevante Ereignisse (M = 3.54, SD = 1.25) als im Vortest (M = 2.11, SD = 1.19), p < .001. Außerdem war die durchschnittliche Qualität der Interpretation erkannter Ereignisse besser (M_Vortest = 2.05, SD = 0.90; M_Nachtest = 2.38, SD = 0.60), p = .003. Entgegen unserer zweiten Hypothese unterschieden sich die Bedingungen nicht signifikant (p = .71). Studierende, die während des Kurztrainings mit segmentierten Videos gearbeitet haben, verbesserten sich also nicht stärker von Vor- zu Nachtest als diejenigen, die mit ganzen Videos gearbeitet haben. Während des Trainings stellten allerdings Studierende in der segmentierten Bedingung signifikant mehr Bezüge zum Einführungstext her (M = 11.4, SD = 3.84) als Studierende in der nicht segmentierten Bedingung (M = 7.29, SD = 3.34), p < .001.

Diskussion
Insgesamt konnte ein Kurztraining, bestehend aus einem Einführungstext und dazu passenden Videobeispielen, die PU der Lehramtsstudierenden verbessern. Während des Trainings unterstützte das Segmentieren der Videos die Studierenden dabei, Bezüge zwischen konkreten Beobachtungen im Video und theoretischem Wissen über Lehrstrategien und deren Auswirkungen herzustellen. Allerdings übertrug sich dieser Effekt nicht auf den Nachtest mit längeren Videos, in dem sie keine bessere PU zeigten als Studierende, die während des Trainings mit längeren Videos gearbeitet hatten. Nach Salomon (1990) kann man also von einem Effekt „with segmenting“, aber nicht „of segmenting“ sprechen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Segmentieren ein wirkungsvolles Mittel ist, um Lehramtsstudierende vor allem am Anfang beim Beobachten komplexer Unterrichtssituationen (z.B. in Simulationen) zu unterstützen. Allerdings scheinen weitere Schritte nötig, um diesen positiven Effekt auch nachhaltig auf praxisnähere Übungen, also z.B. mit längeren Videos, zu übertragen. Mögliche Maßnahmen werden im Beitrag diskutiert.

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.