Fachlich gut = sprachlich gut? Empirische Untersuchung des Zusammenhangs von Aufgabenmerkmalen sowie fachlicher und sprachlicher Bearbeitungsqualität am Beispiel argumentativer Schreibaufgaben aus dem Ethikunterricht der Sekundarstufe I/II.*

Autor*innen: Melanie Basten & Madeleine Domench

 

Abstract

Theoretischer und empirischer Hintergrund
Die Rolle von Aufgaben als „Dreh- und Angelpunkt eines kompetenzorientierten Unterrichts“ (Reusser 2014, 80) wird inzwischen auch aus unterschiedlichen fachdidaktischen Perspektiven empirisch untersucht. Dabei werden neben fachübergreifenden Arbeiten zum fachlichen Umgang bzw. zur Rezeption (z.B. Heine et al. 2018, Schmitz et al. 2017) auch Merkmale von Unterricht bzw. Aufgaben im Zusammenhang mit der Produktion fokussiert (z.B. Heller/Morek 2015, Bachmann/Becker-Mrotzek 2010, Rüssmann et al. 2016). Das komplexe Zusammenspiel von Aufgabe – fachlicher Qualität – sprachlicher Qualität ist bisher jedoch nur selten umfassend in den Blick genommen wurden und gerade bei produktiven Äußerungen besonders herausfordernd.

Fragestellung
Genau hier setzt die vorliegenden Untersuchung an: Am Beispiel einer schriftlichen Argumentationsaufgabe zum Thema Organspende im bioethischen Unterricht der Sekundarstufe I/II soll der Einfluss bestimmter Aufgabenmerkmale auf die fachliche und sprachliche Bearbeitungsqualität exemplarisch erfasst werden.

Methode
Eingesetzt wurde eine Schreibaufgabe in zwei unterschiedlichen Versionen (s.u.) mit einem inhaltlich-kommunikativ konstanten Rahmen-Szenario: Eine Person ist hirntot verstorben und zwei nächste Angehörige müssen sich stellvertretend für oder gegen eine posthume Organentnahme entscheiden. Es liegen keine Informationen zur Position der verstorbenen Person bezüglich der Organentnahme vor und die zwei nächsten Angehörigen sind sich uneinig. Der Schreibauftrag an die Schüler:innen lautet, die Entscheidungsfindung in Form eines Briefes an die Angehörigen zu unterstützen, in dem sie einen begründeten Rat zur Frage der Organentnahme geben sollen.
In Aufgabenversion 1 waren die Schüler:innen aufgefordert, den Brief bzw. Rat aus der Position des besten Freundes des/der erwachsenen Verstorbenen zu formulieren. Dieser Interaktionskontext wurde nach ersten Analysen (Basten et al. 2017) in Version 2 insofern näher an die Lebenswirklichkeit der Schüler:innen gerückt, als dass kein/e Erwachsene/r verstorben ist, sondern ein/e Freund/in des/der Schreibenden, an deren/dessen Eltern der Brief adressiert werden soll.
Sprachlich wurde die Textproduktion in Version 1 unterstützt, indem vorab zum Sammeln von relevanten Argumenten und Informationen angeregt wurde. Diese inhaltlich orientierten Scaffolds wurden für die Version 2 durch pragmatisch orientierte Schreibtipps ersetzt. Es standen außerdem optional Formulierungshilfen zur Verfügung, um den (schrift-)sprachlichen Ausdruck der verschiedenen Facetten von Bewertungskompetenz zu unterstützen (siehe z.B. Rüssmann et al. 2016).
Version 1 wurde von 53 Gesamtschüler:innen der 11. Jahrgangsstufe bearbeitet. Die Schüler:innen (54,0% weiblich) hatten ein Durchschnittsalter von 17,08 (SD=0,72) Jahren.
Die Aufgabenversion 2 wurde von 128 Schüler:innen (66,4% weiblich) der 9.-11. Jahrgangsstufe aus Gymnasien und Gesamtschulen bearbeitet, welche im Durchschnitt 15,76 (SD=0,94) Jahre alt waren.
Für die fachliche Auswertung des Niveaus der Bewertungskompetenz wurde eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) durch einen Hauptkodierer und zwei Gegenkodierende durchgeführt. Als Hauptkategorien wurden die Erkenntnis der moralisch-ethischen Relevanz (Reitschert & Hößle, 2007; Sadler & Zeidler, 2004), das Urteil (Reitschert & Hößle, 2007; Toulmin, 1958; Wu & Tsai, 2007) und die argumentative Struktur (Foong & Daniel, 2010; Kuhn, 1991; Toulmin, 1958; Wu & Tsai, 2007) kodiert.
Die sprachliche Qualität der erhobenen Texte wurde holistisch mithilfe eines in der empirischen Schreibforschung etablierten sog. naiven Ratingverfahrens von zwei unabhängigen Kodierenden erfasst (Grabowski, Becker-Mrotzek, Knopp, Jost & Weinzierl, 2014; Wilmsmeier, Brinkhaus & Hennecke, 2016).

Ergebnisse
Fachlich unterscheiden sich die beiden Aufgabenversionen darin, dass bei Version 2 im Brief etwas mehr Argumente verwendet werden (Version 1: 4,38 (SD=2,59); Version 2: 5,62 (SD=2,74); F(1; 179)=7,88, p=.006) und diese auch häufiger als Pro-Contra-Abwägung (Rebuttals) präsentiert werden (Version 1: 43,4%; Version 2: 63,3%; Chi-Quadrat(2; 181)=6,07, p=.048). Bei beiden Versionen wird jedoch die moralisch-ethische Relevanz der Thematik in dem Brief gleich selten explizit gemacht (Version 1: 17,0%; Version 2: 25,0%; Chi-Quadrat(1; 181)=1,38, p=.24) sowie gleich häufig ein konkreter Rat gegeben, d.h. ein ausformuliertes Urteil gefällt (Version 1: 75,5%; Version 2: 75,8%; Chi-Quadrat(1; 181)=0,00, p=.97).
Sprachlich unterscheiden sich die beiden Aufgabenversionen in ihrer globalen Textqualität und in ihrer Länge: Die Qualität wird bei Version 1 zu 67,9%, bei Version 2 zu 88,3% als hoch eingeschätzt (Chi-Quadrat(1; 181)=10,67, p=.001). Die Briefe sind in Version 2 mit durchschnittlich 158,7 Wörtern zudem signifikant länger als die Briefe in Version 1 (107,3 Wörter; F(1; 179)=24,27, p=.000).
Die fachlichen und die sprachlichen Leistungen der Schüler:innen sind nicht unabhängig voneinander. So ist die globale Textqualität bspw. signifikant mit dem Urteil (r=.311), der Erkenntnis der moralisch-ethischen Relevanz (r=.182), der Anzahl Rebuttals (r=.301) und der Anzahl Argumente (r=.401) korreliert.
Diese Ergebnisse sollen im Vortrag sowohl im Hinblick auf Ihre didaktische Implikationen sowie weitere Arbeiten zur Erforschung des Zusammenspiels aufgabenbezogener, fachlicher und sprachlicher Aspekte des Fachunterrichts diskutiert werden.

 

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.