Eine gute Leistung beim Präsentieren: Eine Frage der erlebten Herausforderung und/oder Bedrohung?*

Autor*innen: Tobias Ringeisen, Nina Minkley & Marco Schickel

 

Abstract

Theoretischer Hintergrund:
In den letzten Jahren konnten zahlreiche Studien auf Basis des Biopsychosocial Model (BPSM; Blascovich, 2008; Blascovich & Mendes, 2000) of Challenge and Threat kontextübergreifend zeigen, dass Menschen eine bessere Leistung erzielen, wenn sie evaluative und stressinduzierende Leistungssituationen eher als Herausforderung (Challenge) und weniger als Bedrohung (Threat) wahrnehmen (für ein Review siehe Hase et al., 2019). Umgekehrt sollte erlebte Bedrohung stärker leistungshemmend wirken als erlebte Herausforderung leistungsfördernd. Gemäß des BPSM und der sozial-kognitiven Theorie bewerten Menschen Leistungssituationen als herausfordernd, wenn sie über ausreichende Ressourcen wie beispielsweise hohe Selbstwirksamkeit verfügen, um die gestellten Anforderungen zu bewältigen (Bandura, 1989; Blascovich, 2008). Situationen sollten hingegen als bedrohlich eingeschätzt werden, wenn Menschen über zu wenige Ressourcen verfügen und somit Überforderung induziert wird. Beide Bewertungsmodi sind gemäß BPSM mit distinkten Mustern im Hinblick auf kardiovaskuläre und endokrinologische Veränderungen verbunden, wobei erhöhte Kortisolausschüttung mit erhöhter Bedrohung, aber nicht zwangsläufig mit geringerer Herausforderung gekoppelt sein sollte (Seery, 2011). Trotz der vielfältigen Befunde fehlen bisher Studien, welche simultan die Bedeutung von Herausforderung und Bedrohung für die Leistung in einer sozial-evaluativen Prüfungssituation untersucht haben.

Fragestellung:
Um diese Forschungslücke zu schließen, untersuchte die vorliegende Studie, wie sich Kortisolausschüttung und Bedrohungs-/Herausforderungseinschätzung im Verlauf einer Präsentation verändern, und ob Intensität und Veränderung in diesen Zustandsvariablen mit Selbstwirksamkeit und verhaltensbezogenen Indikatoren der Präsentationsleistung in Verbindung stehen.

Methode:
Auf Basis des Trier Social Stress Tests (TSST; Allen et al., 2017), hielten 126 Studierende (85 Frauen) im Rahmen eines simulierten Auswahlverfahrens mit standardisiertem Versuchsablauf eine Präsentation, in der sie sich als geeignete Kandidat*innen für ihren Traumberuf vorstellten. Es wurde eine Mikro-Längsschnitt mit vier Messzeitpunkten realisiert. Anhand validierter Selbstberichtinstrumente wurde präsentationsbezogene Selbstwirksamkeit (Ringeisen et al., 2019) vor dem Start des TSST (t1) gemessen; Herausforderung/Bedrohung wurden vor (t2) und nach einer Instruktion im Vorfeld der Präsentation (t3) sowie nach Abschluss der Präsentation (t4) über jeweils drei Adjektive erfasst (Carver & Scheier, 1994). Unter Berücksichtigung der Latenzzeit bei der stressbedingten Kortisolausschüttung wurden Speichelproben zur Bestimmung der Kortisolkonzentration zu t3 und t4 sowie nach einer Erholungsphase nach Ende der Präsentation (t5) gesammelt. Die Messzeitpunkte t2 bis t5 lagen jeweils ca. 15 Minuten auseinander. Alle Präsentation wurden auf Video aufgezeichnet und anhand eines standardisierten Beobachtungsbogens von drei blinden Ratern unabhängig voneinander in Bezug auf verhaltensbezogene Indikatoren der Leistung beim Präsentieren beurteilt (Knight & Mehta, 2017). Die Daten wurden mit Hilfe von latenten Wachstumsmodellen mit MPlus analysiert.

Ergebnisse:
Im Sinne einer linearen Veränderung vergrößerte sich die wahrgenommene Bedrohung und die Kortisolausschüttung im Laufe der Präsentation, während sich die Herausforderung verringerte. Ausgangsniveau und Veränderung waren für beide Bewertungsmodi jeweils negativ korreliert. Im Hinblick auf das Ausgangsniveau war ein geringeres Level an erlebter Herausforderung mit größerer Bedrohung und überraschenderweise geringerer Kortisolkonzentration korreliert. Zudem war ein stärkerer Zuwachs im Bedrohungserleben mit einer stärkeren Abnahme der berichteten Herausforderung gekoppelt. Höhere Selbstwirksamkeit zu t1 war zudem mit höherer initialer Herausforderung, geringerer initialer Kortisolkonzentration und einem schwächeren Kortisolanstieg, aber weder mit den Wachstumskoeffizienten von Bedrohung noch mit der Präsentationsleistung verbunden. Eine bessere Leistung während der Präsentation wurde durch ein geringeres Ausgangsniveau der erlebten Bedrohung und einen schwächeren Anstieg der Kortisolkonzentration begünstigt.

Fazit:
Zusammenfassend stützten die Befunde sowohl die Annahmen des BPSM als auch der sozial-kognitiven Theorie. Im Einklang mit dem BPSM scheinen sich erlebte Bedrohung und erhöhte Kortisolausschüttung leistungshemmend während einer Präsentation auszuwirken, während präsentationsbezogene Selbstwirksamkeit hingegen das Erleben von Herausforderung stärkt und gleichzeitig Niveau und Anstieg der Kortisolreaktion verringert.

 

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.