Corona: Die Familie als Bildungsort in der Pandemie*

Autor*innen: Helen Knauf

Abstract

„Kinder haben ‚wenig oder nichts‘ gelernt“ – so titelte im November 2020 der Spiegel. Im Januar 2021 frage der Merkur unter Verweis auf „heftige Langzeitfolgen“: „Kostet die Misere Kinder künftig Wohlstand?“ Wer die Berichterstattung in Zeitungen und Fernsehen zu den Bildungserfahrungen von Kindern während der Schulschließungen auswertet, gewinnt den Eindruck, dass diese Phase für die Kinder eine verlorene Zeit war, wenn nicht gar zu einem Rückgang von Wissen und Können der Kinder geführt hat. In diesem Sinne liegt der Fokus der derzeit vorliegenden Forschung zum Zusammenhang von Schule und Corona auf befürchteten Kompetenzeinbußen (z. B. Anger et al. 2020; Wössmann 2020) und eventueller Verschärfung sozialer Ungleichheit (z. B. Anger and Plünnecke 2020; Bremm and Racherbäumer 2020; Huebener and Schmitz 2020). Andere Studien befassen sich mit den Rahmenbedingungen des Lernens zuhause (z.B. Porsch & Porsch 2020) und dem Wohlbefinden von Kindern (z.B. Langmeyer et al. 2020). Der Bildungsort Familie als Ganzes mit seinen Bestandteilen, die über das schulische Lernen hinausgehen, wird jedoch bislang nicht bzw. nur am Rande in den Blick genommen.

Dabei liegt in Grunde auf der Hand, dass die Bildungsfunktion der Familie weit über die Begleitung und Unterstützung des schulischen Lernens hinausgeht. Im Gegensatz zum formalen Bildungsort Schule und zu non-formaler Bildung beispielsweise in der Jugendarbeit wird die Familie als informeller Bildungsort beschrieben (Grgic and Rauschenbach 2020). Gegenstand dieser informellen Bildungsprozesse ist die Alltagsbildung (Rauschenbach 2007). Wesentlicher Gegenstand der Bildung in Familien sind sowohl konkretes Know-how der Lebenspraxis als auch Prinzipien des sozialen Miteinanders.

In der Diskussion über den Bildungsort Familie wird diese jedoch meist in ihrer Beziehung zum formalen Bildungsort Schule gesehen, denn in den Bildungsleistungen der Familien wird ein bedeutsamer Faktor für die nach wie vor bestehenden herkunftsbedingt unterschiedlichen Erfolge von Kindern im Bildungssystem gesehen. Gerade in den nicht explizit schulbezogenen Bildungsleistungen der Familie wird eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg im formalen Bildungssystem gesehen (Bauer 2018). So wird die Familie als Bildungsort weithin unterschätzt (Schmidt-Wenzel 2016; Büchner 2006). Die aktuelle Forschungslage zur Bedeutung der Familie in der Corona-Krise knüpft insofern an ein Grundproblem an.

Vor diesem Hintergrund steht im Mittelpunkt der hier vorgestellten Untersuchung die Frage, welche Bildungsgelegenheiten es während der coronabedingten Schulschließungen in Familien gegeben hat. Die hier vorgestellte Studie soll dazu beitragen, die Erfahrungen von Eltern mit Bildungsaktivitäten in der Familie zu erfassen.
Zu diesem Zweck wurden 16 qualitative Interviews mit Eltern mit mindestens einem Kind im Grundschulalter ausgewertet. Das Datenmaterial ist Teil einer umfangreicheren Interviewstudie, in die auch Eltern von Kindern einbezogen wurden, die eine Kindertageseinrichtung besuchen.

Die Interviews wurden anhand eines Leitadens mit vier offenen Fragen und nötigenfalls Nachfragen geführt. Alle Interviews fanden telefonisch statt und wurden aufgezeichnet. Die Audiodaten wurden anschließend inhaltlich-semantisch transkribiert.

Die Auswertung der Daten zeigt, dass es während des Lockdowns in den Familien der Befragten vielfältige Bildungsgelegenheiten gab. Diese bestehen zum Teil in explizit schulbezogenen und schulnahen Aktivitäten wie etwa der Sprachentwicklung, dem Aufbau von Geschichtswissen oder dem Lernen des Einmaleins. Eine Weiterentwicklung ergibt sich in vielen Familien auch bei der Sozial-, Selbst- und Methodenkompetenz, etwa wenn Kinder lernen, den eigenen Tag zu organisieren oder selbstständig Aufgaben im Haushalt zu übernehmen. Ein Großteil der Bildungsgelegenheiten ist den Interviewpartnerinnen und -partnern aber gar nicht als solche bewusst, sondern werden als Teil der Alltagsgestaltung verstanden, etwa wenn es um Tätigkeiten im Haushalt, Verantwortungsübernahme für Geschwister oder gemeinsame Freizeitaktivitäten geht.

*Dieser Beitrag wurde im Rahmen des digitalen Jahres der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (digiGEBF21) eingereicht und ist bis zum 31.12.2022 an dieser Stelle verfügbar. Alle Rechte liegen bei den Verfasser*innen.